An die Bundesregierungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Sehr geehrte Damen und Herren, liebes Publikum.

Wir möchten hiermit öffentlich mit allen die sich uns anschließen wollen, unseren Protest gegen den türkischen Angriff auf Nordsyrien kundtun. Der Angriff, der vom Wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestags bereits als völkerrechtswidrig eingestuft worden ist, hat derzeit zwar Halt in Afrin gemacht, der Türkische Präsident Erdoğan hat aber wiederholt von „Säuberungen“ gesprochen und angedroht, die gesamte Region Rojava „befreien“ zu wollen. Inzwischen kam es bereits zu einem Angriff im Norden Iraks. Die Beweise, dass die von manchen Regierungen als Terrororganisation eingestufte PKK die Türkei von fremdem Territorium angreift, fehlen aber weiterhin. So kann weder von einem Gegenschlag, noch von Selbstverteidigung die Rede sein.

Mittlerweile wurde bekannt, dass das Türkische Militär mit mehr als 3.000 IS-Kämpfern im Verbund steht. Es steht zu erwarten, dass Erdoğan die gesamte Region besiedeln will, wie er es bereits vor eineinhalb Jahren in einer Grenzstadt Dschrabulus getan hat und den Dschihadisten dabei erhebliche Zugeständnisse machen wird. Einheimische warnen bereits vor einem neuen Kalifat.

In Afrin wie in ganz Rojava wurde seit Jahren ein basisdemokratisches System aufgebaut, dass die gleichberechtige und freie Teilhabe der Frauen, ethnischen und religiösen Pluralis-mus sowie eine partizipatorische Demokratie zur Grundlage hat. Es handelt sich um ein Viel-völkerprojekt, das auch Hunderttausend geflüchteten Menschen Schutz bot.

Und zur Erinnerung: Eben die Kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG und YPJ, die Erdoğan im Moment zu bekämpfen vorgibt, hatten die gesamte Region vor den Terroristen des Islamischen Staats befreit, zunächst alleine, später gemeinsam mit den USA. Das demokratische Vielvölkerprojekt Rojava, das Zusammenleben verschiedenster Kulturen und nicht zuletzt die dortige Frauenrevolution bilden das Gegenstück zur illiberalen, autoritären Regierung in Ankara – und soll daher zerstört werden.

Nicht erst seit dem Einmarsch in Afrin, der Bombardierung von Schulen, Trinkwasseranlagen sowie Krankenhäusern und seit der massiven Vertreibung der Zivilbevölkerung wird deutlich, welche Politik der türkische Staat betreibt. Unter dem Vorwand der Bekämpfung von Terroristen wurden seit 2015 auch im eigenen Land allein Hunderttausend Lehrer*innen wegen angeblich umstürzlerischer oder terroristischer Machenschaften aus dem Staatsdienst ent-lassen, Journalisten und zivilgesellschaftliche Akteure verhaftet und eingesperrt, Zeitungen und Fernsehsender verboten.

Seit mehr als zwei Monaten operiert das türkische Militär mitsamt seinen Verbündeten in Nordsyrien, zwang bisher Hunderttausende zu Flucht und hat eben erst in Afrin das grösste Krankenhaus der Stadt bombardiert, bei dessen Angriff es wie auch bei anderen Angriffen, zahlreiche tote und verletzte Zivilisten gab, entgegen der Verlautbarungen im Türkischen Staatsfernsehen. Wie lange wird der Westen, werden die NATO-Partnerstaaten noch taten-los zusehen?

Die Schweiz, Österreich und Deutschland profitieren erheblich von Geschäften und Verträ-gen mit der Türkei. Der EU-Türkei-Deal besagt beispielsweise, dass die Türkei Milliarden erhält, um Geflüchtete von Europa fernzuhalten und die Grenzen zu schließen. So wurde ent-lang der gesamten Türkisch-Syrischen Grenze inzwischen eine Mauer gebaut, an der einige Menschen auf der Flucht vor dem Türkischen Angriff zuletzt bereits den Tod fanden, wäh-rend zur gleichen Zeit eben durch Erdoğans Offensive hunderttausende Menschen zur Flucht gezwungen werden.

Waffenexporte aus Deutschland, ein anderes Beispiel, werden vom Türkischen Militär in Nordsyrien eingesetzt.

Wir rufen die Regierungen unserer Länder

in Österreich, in Deutschland und in der Schweiz auf:

die Waffenexporte zu stoppen,

die Kurdische Bevölkerung vor ethnischen Säuberungen zu schützen,

den Demokratieprozess in den selbstverwalteten, kurdischen Gebieten zu gewähr-leisten

den Abzug der türkischen Besatzungstruppen zu fordern und die Rückkehr der ver-triebenen Bevölkerung zu begleiten.

sofortiger Zugang zu Hilfsgütern und Medikamenten für die Geflüchteten in Afrin/Rojava

Wir fordern Sie heute, sehr geehrte Damen und Herren,

dazu auf, diesen völkerrechtswidrigen Krieg als Zivilgesellschaft nicht länger schweigend hinzunehmen und sich unserem Protest anzuschließen: Erheben Sie mit uns Ihre Stimme und lassen Sie uns so gemeinsam Druck auf die Regierung ausüben.

Rojava war und ist ein hoffnungsvolles Modell des demokratischen Zusammenlebens vieler Kulturen und könnte es auch für einen zukünftigen Friedensprozess in ganz Syrien werden.

Wer sich unserem Protest anschließen will, kann unten unsere Petition unterzeichnen, die wir der Bundesregierung in Deutschland überreichen werden.

Vielen Dank!

 Lisa Stiegler (Schauspielerin am Theater Basel) // Altine Emini (Schauspielerin am Schauspiel Frankfurt) // Mareike Hein (freischaffende Schauspielerin, Berlin) // Katharina Bach (Schauspielerin am Schauspiel Frankfurt) & Anabel Möbius (Schauspielerin am Staatstheater Darmstadt) // Inga-Annett Hansen (Dramaturgin an der Volksbühne Basel) // Anina Jendreyko (Regie und Schauspielerin an der Volksbühne Basel) // Kevin Rittberger (Autor und Regisseur, Berlin) & Etritane Emini (freischaffende Mediengestalterin, Köln)

 

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Ladies and gentlemen, 

We, actresses and actors in the German speaking countries, would like to publicly express our protest against the Turkish attack on Northern
Syria.

Even though the attack, which has already been classified as contrary to international law by the Research Services of the German Bundestag, has currently stopped in Afrin, but the Turkish President Recep Tayyip Erdogan has repeatedly spoken of „purges“ and threatened to „liberate“ the entire Rojava region. Meanwhile, there has already been an attack in Northern Iraq. However, there is still no evidence that the PKK, which is classified as a terrorist organisation, is attacking Turkey from foreign territory. Thus there can be no question of a counter-attack, nor of self-defence.

In the meantime, it has become known that the Turkish military is linked to more than 3,000 IS fighters. It is to be expected that Erdogan will settle the entire region, as he did a year and a half ago in the border town of Jarabulus and will make considerable concessions to the jihadists. Locals are already warning of a new caliphate.

In Afrin, as throughout Rojava, a grassroots democratic system has been established for several years, based on the equal and free participation of women, ethnic and religious pluralism as well as participatory democracy. It is a multi-ethnic project that also offered protection to hundreds of thousands of refugees.

And just as a reminder: The very Kurdish People’s ProtectionUnits YPG and YPJ, which Erdogan claims to be fighting at the moment, had liberated the entire region from the terrorists of the Islamic state, first alone, later together with the USA. The democratic multi-ethnic project Rojava, the coexistence of the most diverse cultures and not least the women’s revolution there represent the counterpart to the illiberal, authoritarian regime in Ankara, and, therefore, ought to be destroyed.

It is not only since the invasion of Afrin, the bombing of schools, drinking water facilities and hospitals and since the massive expulsion of the civilian population that the Turkish state policy has become clear. Under the pretext of combating terrorists, hundreds of thousands of teachers at home have been dismissed from their civil service alone since 2015 for alleged subversive or terrorist activities, journalists and civil society actors arrested and imprisoned, and newspapers and television stations banned. 

For two months now, the Turkish military with its allies have been operating in northern Syria, forcing hundreds of thousands of people to flee and only just bombed the city’s largest hospital in Afrinin which attack, as in other attacks, resulted in numerous dead and injured civilians, contrary to what was reported on Turkish state television. How long will the West, the NATO partners, continue to stand idly by?

Switzerland, Austria and Germany benefit considerably from business and contracts with Turkey. The EU-Turkey deal, for example, says that Turkey will receive billions to keep refugees away from Europe and close its borders. Along the entire Turkish-Syrian border, for example, a wall has now been built along which some people have already died while fleeing the Turkish attack, while at the same time hundreds of thousands of people are being forced to flee by Erdogan’s offensive.

Arms exports from Germany, another example, are used by the Turkish military in northern Syria.

We call upon the governments of our countries in Austria, in Switzerland, in Germany:

to stop arms exports,

to protect the Kurdish population from ethnic cleansing, 

to ensure the democratic process in the self-governing Kurdish regions,

to demand the withdrawal of the Turkish occupying forces and to accompany the return of the displaced population.

Today, we are asking you, ladies and gentlemen,

to stop silently accepting this war, which is contrary to international law, as civil society and to join our protest: raise your voice with us and let us put pressure on the government together.

Rojava was and is a hopeful model for the democratic coexistence of many cultures and could also be a model for a future peace process all over Syria. 

If you want to join our protest, you can sign our petition here on the website www.ensemblefuerafrin.de and which we will present to the Federal Government. 

Feel free to share the link, so that as many people as possible sign in. 

Thank you very much. 

 

 Lisa Stiegler (actress at Theater Basel) // Altine Emini (actress at Schauspiel Frankfurt) // Mareike Hein (freelance actress / Berlin) // Katharina Bach (actress at Schauspiel Frankfurt) // Anabel Möbius (actress at Staatstheater Darmstadt) // Inga-Annett Hansen (dramaturg at Volksbühne Basel) // Anina Jendreyko (director and actress at Volksbühne Basel) // Kevin Rittberger (author and director, Berlin) & Etritane Emini (freelance media Designer / Cologne)